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Tusen takk!

Heute ist es genau ein Jahr her seitdem ich meine Gastfamilie getroffen habe, zwar nicht zum ersten Mal, schließlich hatten sie mich schon vor meiner Abreise einmal in Deutschland besucht, aber dieser 21. August 2011 sollte ganz anders werden. Kein kurzer Zwei-Tages-Besuch, nein, mit meinem Koffer im Schlepptau sollte ich ein Jahr bei ihnen wohnen. Wie nervös ich war! Ja nichts Falsches tun, um Gottes willen nichts kaputt machen, hoffentlich mögen sie mich? Alles war neu, ungewohnt, anders, über jeden Satz oder Handlung musste ich viel mehr nachdenken.

Dann hat jemand an der Uhr gespielt und plötzlich waren zehneinhalb Monate Austausch vorbei. Ein letzter selbstverständlicher Gang durch das Haus, in dem ich mich die ganze Zeit so wohl gefühlt habe, ein letztes Mal Frühstück machen, ein letztes Mal eine norwegische Zeitung aufschlagen? Wieder mit meinem Koffer in der Hand, vollgepackt mit guten Erinnerungen, neuen Freunden und vielen Erfahrungen, musste ich mich von meiner Familie verabschieden, nicht wissend, wann ich sie das nächste Mal sehen würde und das war viel schlimmer als Abschied von meiner deutschen Familie zu nehmen, denn da hatte ich ja auch schon den genauen Rückflugtermin im Kopf.

In der Zwischenzeit ist natürlich viel passiert. War doch alles am Anfang noch fremd, habe ich mich schnell eingelebt, den norwegischen Alltag kennen gelernt und natürlich auch das nicht so alltägliche, zum Beispiel den 17. Mai, Tag des Grundgesetzes und norwegischer Nationaltag, eins meiner Highlights des gesamten Jahres. In der ganzen Stadt, an jedem Balkon, weht die norwegische Flagge im Wind, überall sieht man Menschen in Tracht und Anzug durch die regennassen Straßen, es gibt Kinder- und Bürgerumzüge, auf den Schulhöfen werden Spiele angeboten, Kinder bekommen so viel Soft-Eis und Würstchen im Brötchen wie sie wollen. Später kommt die ganze Familie zusammen und es gibt ein richtiges Festessen. Was auffällt ist, dass es keinerlei Militärparaden wie in anderen Ländern oder ähnliches gibt. Nein, in Norwegen soll der Nationalfeiertag der Tag der Kinder sein.

Auch die Schule in Norwegen unterscheidet sich sehr von denen in vielen anderen Ländern. Zum einen sind diese dort sehr modern ausgestattet, zum anderen wird das Schulleben durch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern geprägt. Angesprochen wird mit Vornamen und "Du", wenn ich dann erzählt habe, dass man in Deutschland seine Lehrer siezen muss, wurde ich nur mit verblüfften Augen angeschaut, vorstellen kann man sich das nicht. Das zieht sich allerdings auch durch die ganze norwegische Gesellschaft, natürlich behandelt man ältere Menschen mit mehr Respekt und würde sie wahrscheinlich auch mit "Sie" ansprechen, wenn es nicht gerade die eigene Oma oder Opa ist, aber generell kann man mit einem freundlichen "Du" in Norwegen eigentlich nichts falsch machen, egal ob bei der Kassiererin an der Supermarktkasse oder der Krankenpflegerin im Krankenhaus, aber zurück zur Schule: Lehrer dienen hier auch eher als Wegweiser für ihre Schüler. Schüler sollen auf die Weise lernen, die ihnen am leichtesten fällt und die für sie am effektivsten erscheint. Es soll eben nicht von oben herab unterrichtet werden, sondern man soll sich den Stoff oft selbst erarbeiten, damit man ihn am Ende auch versteht und nicht einfach nur mitschreibt. Ich denke, daher kommt auch dieses eher freundschaftlich wirkende Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern.

Was ist dir in deinem Gastland einfacher gefallen als in Deutschland? Diese Frage finde ich eigentlich gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn ich nachdenke und mal ein bisschen zurück schaue, muss ich natürlich sagen, dass mir erstmal alles schwieriger vorgekommen ist, weil man alles viel bewusster macht und über alles vorher nachdenkt, weil man keinen Fehler machen will. Und auch nach längerem Nachdenken fallen mir nicht viele Dinge ein, die ich in Norwegen leichter fand. Vielleicht liegt es daran, dass die norwegische Kultur zwar anders ist, aber doch nicht so anders wie zum Beispiel in Südamerika oder Asien, vieles ist einfach ähnlich zu Deutschland, gerade was den Alltag angeht. Eine Sache, die ich allerdings nennen könnte, ist, dass es mir leichter gefallen ist, ordentlich zu bleiben. Das lag wohl daran, dass meine Gastmutter verlangt hat, dass ich jede Woche mein Zimmer putze und so erst gar kein großes Durcheinander entstehen konnte. Bei meiner deutschen Mama ist das eben nicht so, die sieht das alles ein bisschen lockerer und das spiegelt sich auch in meinem Zimmer wieder. Mit ein bisschen Disziplin wäre es hier in Deutschland wohl auch kein Problem, aber ich merke schon, dass ich es in Norwegen einfacher empfunden habe, weil ich genau im Hinterkopf hatte, dass ich meine Gastmutter nicht enttäuschen oder womöglich noch einen Streit auslösen wollte.

Durch mein Auslandsjahr fühle ich mich natürlich mittlerweile meinem zweiten Zuhause Norwegen sehr verbunden, aber ich muss auch sagen, dass ich mich seitdem meiner Heimat Deutschland mehr verbunden fühle und ich kann noch nicht mal sagen warum. Es ist nicht gerade so, dass ich die politische Entwicklung hier zu Lande besonders lobe, es ist auch nicht, dass ich die deutsche Lebensweise als besser empfinde. Vielleicht ist es angeboren, vielleicht ist es gelernt? Früher habe ich es als unangenehm empfunden Deutsche zu sein, zumindest im Ausland. Das lag wohl auch daran, dass ich ein bisschen Angst davor hatte, wie andere auf Deutsche reagieren, gerade wegen bekannter geschichtlicher Ereignisse. Aber mittlerweile weiß ich, dass diese Angst unbegründet war, ich kann ganz offen sein, dass ich stolz bin, Deutsche zu sein.

Vieles ist in meinem Austauschjahr passiert, einiges, was in diesem Bericht steht, noch mehr, was fehlt und noch viel mehr, was mir unglaublich schwer fällt überhaupt in Worte zu fassen, vieles was auch unbewusst geschehen ist. Sachen die mich verändert haben, Meinungen, die ich mir gebildet habe, Erfahrungen, die ich gemacht habe, Freunde, die ich kennen gelernt habe, eine Familie, die ich lieben gelernt habe. Das alles hätte ich ohne AFS nie erfahren und dafür möchte ich mich aus vollem Herzen bedanken. Mein AFS-Jahr ist ein Jahr, das ich niemals mehr missen möchte. Tusen takk!


-Jessica 2011/12