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314 Tage in den USA

Es war der 23. August. 2013 und damit mein 16. Geburtstag, als ich im Flieger ins Ungewisse saß.
Ich würde ein Jahr in den USA verbringen ( Um genau zu sein: 314 Tage). Dort würde ich zur
Schule gehen, in einer fremden Familie leben, (die mir im Nachhinein nach einiger Zeit familiärer
sein sollte, als ich es mir je vorgestellt hatte), neue Freunde finden, Erinnerungen schaffen, die ich
vielleicht ewig in mir tragen würde.
An diesem Tag im August malte ich mir aus, wie Alles vielleicht sein würde oder auch nicht. Ob ich
mich von meinen Freunden in Deutschland differenzieren würde und ob ich nach einem Jahr immer
noch das selbe Mädchen sein würde, wie ich es war. Die Stewardessen duzten mich. Auf jeden Fall
habe ich es so in Erinnerung. Zehn Monate später auf der Fahrt nach Hause sollten die
Stewardessen mich siezen..
Der Tag dauerte insgesamt 31 Stunden. Den längsten Geburtstag, den ich je hatte. Von den 31
Stunden war ich bestimmt 24 wach und 17 Stunden unterwegs. Mein Zielflughafen war Chicago,
welches ich leider über Houston erreichen musste. Der Flug war sehr lang und trotz allem verging
er buchstäblich wie im Flug.
Ich kam total übermüdet im Holiday Inn Express an und nachdem ich notdürftig ein paar Bissen
herunter gekriegt habe, ließ ich mich von den AFS Mitarbeitern noch einführen, wie meine morgige
Fahrt nach Wausau, Wisconsin, meinem Endziel, aussehen würde. Danach ging ich erschöpft in
mein Zimmer. Was ein Tag, dachte ich mir. Ich wollte nur noch ins sehr bequem aussehende Bett.
Ich war alleine im Zimmer, worüber ich eigentlich sehr glücklich war. Um die Reste von
Deutschland noch von mir abzuwaschen, entschied ich mich noch für eine schnelle Dusche. Leider
nur verzögerte sich das Alles, weil mein allererstes Problem in den USA auftrat: Wie um alles in der
Welt funktionierte diese Dusche. Ich schraubte und drehte alles, was schraubbar und drehbar
aussah. Ohne Erfolg. Ich konnte einfach den Badewannenhahn nicht so umfunktionieren, dass das
Wasser aus der Dusche kommen konnte. Ich stand da ungelogen für eine halbe Stunde und die
Frustration, die ich verspürte, war noch um einige Male verstärkt, da ich an akuter Müdigkeit litt
und Müdigkeit mir im Allgemeinen nicht behagt. Ich war gerade dabei aufzugeben, als ich doch
noch das richtige Teilchen gezogen habe. Es war so simpel. Ich fing an zu lachen. Also frisch
geduscht, versuchte ich alle Lampen wieder auszudrehen. Ja, Drehen, Knipsen ist in den USA nicht
so wie hier. Leider kostete mich das wieder zehn Minuten, weil ich ja nicht wissen konnte, dass man
den Schalter dann in die andere Richtung dreht. Das hört sich im Nachhinein natürlich lächerlich
plausibel an.
Natürlich würde das nicht die letzte Hürde sein, die ich überwinden musste, bis ich meinen
langersehnten Schlaf antreten konnte. Als nächstes nämlich stellte sich das Bettbezug zwischen mir
und meinen Träumen in den Weg. Und zwar umhüllt es in meiner Heimat Deutschland die Decke
und man liegt auf einem Leintuch. Ich habe noch niemanden gekannt, der sich dagegen auch
beschweren würden. In den USA aber, wo ich immerhin für weitere 10 Monate ausgiebig schlafen
würde, verkomplizierte sich das um Einiges. Man hat eine Decke, welche ich als erstes fälschlicher
Weise für ein Tagesdecke gehalten habe, und darunter eine Art Leintuch, welche zwischen mir und
der Decke liegen sollte, dessen Zweck ich an diesem Abend aber missbraucht habe. Dazu kam noch,
dass die Decke an allen Kanten sorgfältig zwischen Bett und Matratze gesteckt wurden, so dass man
oben hätte hereinkriechen können, aber ohne jegliche Möglichkeit der freien Bewegung. Das heraus
zu finden, würde für mich noch ein paar Tage dauern, aber an diesen Abend handelte es sich
lediglich um eine sehr frustrierende Angelegenheit, bei der ich mich zum Schluss einfach damit
abfinden musste, unter eine Art Klumpen zu schlafen, der mich aber immerhin zudeckte.
Wir hatten bei unserem Vorbereitungskurs in Weimar doch nie über Lichtschalter und Bettdecken
gesprochen, geschweige denn Duschen mit trickreichem Schalter. Ich bezog diese alltäglichen
Beispiele sofort auf den Rest des Jahres und geriet in Panik. Wenn mich ein Hotelraum schon
herausforderte, wie würden dann erst die restlichen 313 Tage sein? Und auf welche überraschende
Probleme im Alltag würde ich noch stoßen? Würde ich die Herausforderungen annehmen oder
ihnen aus dem Weg gehen?


Nach diesen restlichen 313 Tagen kann ich sagen, dass ich viele Möglichkeiten verpasst habe und
sehr viele genutzt habe, aber dabei bereue ich nichts. Natürlich stößt man immer mal wieder auf
metaphorische Duschen oder Bettdecken, aber nachdem man erst einmal weiß, wie etwas
funktioniert, scheint es nie ein Problem gewesen sein. Und das Jahr war voller Überraschungen. Ich
musste einmal die Familie wechseln, aber ich war nicht traurig darüber. Ich hatte eine Freundin, mit
der ich Zeit verbracht hatte, so dass sie für den ersten Monat meine Familie war. Als ich dann meine
zweite Familie bekommen habe, war ich überrascht, wie man Menschen nach nur neun Monaten so
in sein Herz schließen kann. Wenn mir neben meinen Erinnerungen etwas bleibt, ist es ganz klar
meine Gastfamilie. (Und eventuell das Gelernte aus meinem Physikunterricht, weil es einfach die
allerbeste Stunde mit dem allerbesten Lehrer war. Ich habe so viel gelernt) Und es war sehr lustig
für mich, als meine Gastschwester mir zu aller erst gezeigt hat, wie die Dusche funktioniert, ohne
dass ich sie gefragt hatte.
Ich glaube, dass jeder Einzelne, der ein Austauschjahr absolviert, einzigartige Erfahrungen macht
und ich bin froh die Erfahrungen zu haben, die ich gemacht habe. Von der Better Understanding For
A Better World (BUBW) Konferenz in Florida, bei der ich teilnehmen durfte und wirklich
außergewöhnliche Menschen getroffen habe, die auf der ganzen Welt zuhause waren, bis zu dem
Tag, an dem sich meine zweitälteste Schwester eine Wohnung gekauft hat und wir nach dem Umzug
alle im Wohnzimmer getanzt haben. Oder als ich mit meiner Gastfamilie im Urlaub war und den
besten Cupcake meines Lebens gegessen habe. Oder als wir am Weihnachtstag vier Stunden lang zu
acht ein Spiel Monopoly gespielt haben und es zum Schluss doch keinen Gewinner gab. Oder als ich
auf der Kreuzfahrt, auf die mich meine Gastfamilie mitgenommen haben, Nasenbluten gekriegt
habe und unser ganzes Zimmer mit Blut übersäht habe und meine Gastschwester es gar nicht
schlimm fand, sondern sich darüber kaputt lachte, was wohl die Angestellten denken würden, wenn
sie diese Blutlachen entdecken würden. Oder als ich mit meinen Freunden vor Fußball immer
heimlich zu Jimmy John's gegangen bin und einen Veggie gegessen habe. Oder als meine Familie
und ich in Disneyworld für 13 Stunden durch die Gegend gerannt sind, und nachdem es auch noch
geregnet hatte, unsere Sportschuhe und Füße einfach unbeschreiblich gestunken haben und damit
auch der ganze Hotelraum. Oder als wir in Washington D.C. alles so arrangiert haben, damit meine
drei besten Freunde und ich zusammen in einem Zimmer waren und uns bis zwei Uhr morgens
ausgiebigst über das Jahr unterhalten haben. Oder als ich nach der Schule mit meiner Schwester
einen langen kurzen Abstecher in der drei Stunden entfernten Mall of America gemacht habe,
obwohl ich am nächsten Tag drei Abschlussexamen hatte. Oder als ich meiner Schwester und
meinen Freunden versucht habe zu erklären, was Kernfusion ist und wieso es in dieser Welt ein
Energieproblem gibt und meine Schwester meinte, ich würde meine Freunde noch vertreiben.
So könnte ich jetzt ewig weitermachen, weil ich so viel erlebt habe und ich bin daher unendlich
dankbar, dass mir diese Möglichkeit gegeben wurde. Danke!

 

- Sofia, 2013/14