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10,5 Monate USA: Welcome to the "Buckeye State" (OH)

Amerika - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Heimat übergroßer Popkorntüten, Fernseher und Sodavorräten, das Zentrum düsender Trucks mit zerplatzendem Kilometeranzeiger, die Welt überragender Kunst im Blauweißrotschmücken und Verkünden - vor 386 Tagen, am 11. August 2011, konnte ich es nach einer 18 stündigen Reise mit 150% Körpergewicht kaum erwarten von meiner 'neuen', vierköpfigen Familie in der Hauptstadt Ohios in den Arm genommen zu werden. Ja, es war die Entschädigung für wochenlanges Bibbern während der Auswahl fürs PPP-Stipendium, die Anstrengungen während stundenlangem Ausfüllen zahlreicher, höchst wichtiger Dokumente, der Entscheidung, das bisherige Leben für 324 Tage hinter sich zulassen. Anders formuliert: genau zu diesem Zeitpunkt, um 21 Uhr in der Empfangshalle des Columbus Airports, war die Vorfreude auf das kommende Schuljahr noch nie so groß gewesen, und ich wusste, dass dies die aufregendsten, kuriosesten und wertvollsten 10 ½ Monate meines 16-jährigen Lebens werden würden.

Jetzt, wo ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte, war ich startklar! Startklar für eine Kultur, die mit ihren Prinzipien, 'Sport ist (kein) Mord', 'Jungs übernehmen Datekosten', 'Arbeitstiere kochen nicht', weder besser noch schlechter, sondern einfach anders ist. Startklar für ein Schulsystem, das mit eintönigem Stundenplan, vielfältigen Schulsportteams und atemberaubenden Tanzbällen in Filmen nur halbherzig richtig dargestellt wird. Startklar für menschliche, länderüberschreitende Beziehungen, die tiefer, einzigartiger und bedeutungsvoller sind, als eine Merkel-Obama Freundschaft. Startklar für eine Welt, der nach 46 Wochen nachgetrauert wird. Und dank der SPD-Pilotin Dr. Bärbel Kofler, die ihren Job nutzte und mich umsonst nach Amerika brachte, wurde mein eigener von AFS geleiteter Inlandsflug in Ohio zum vollen Erfolg!!

Obwohl 13 Tage nur 13 Tage sind, hatte ich in diesen 312 Stunden dank der Amerikanischen Ideologie tatsächlich mehr erlebt als in 12 Wochen Sommerferien - vom Fototermin und Treffen der Herbstschulsportteams, Besuch des größten Freizeitparks im Mittleren Westen und Anfeuern bei freitäglichen Footballspielen übers Tütenschleppen aus Walmart und Auskundschaften des Spint-, Schuluniform- und Wanderlebens eines High School Schülers bis zu einzigartigen sonntäglichen Kirchenbesuchen. Demnach war es auch kein Wunder, dass ich bereits nach 3 Tagen Aufenthalt der 'Zeit meines Lebens' (wie es ein Freund später noch treffend formulierte)  entgegentrat: Cross Country. Dem 'kreuz und quer übers Land laufen'. Anfangs noch überrascht, dass die Amerikaner diesen Sport nicht nur wortwörtlich sondern auch todernst nehmen, passte ich mich immer besser an das harte Training (2h lang, 5 Tage die Woche) an, fand Spaß daran meine persönliche Bestzeit bei samstäglichen Wettkämpfen über 3.2 Meilen stetig zu verbessern, und stand am Ende der Saison trotz Hüft-, Achillessehnen- und Patellasehnenprobleme mit Schulrekord und MVP-Award da. Das Lachen war breit, die Stimmung war großartig, aber diese einmalige Sportsaison konnte sich dank Knieproblemen weder in Basketball (nach 2 Wochen war Schluss) noch in Track and Field (1 Tag durchgehalten) wiederholen. Positiv zurückblickend könnte man sagen, dass ich dadurch bei Weitem mehr Zeit mit meiner Gastfamilie und Freunden verbrachte, Festivitäten wie Halloween, Thanksgiving, Black Friday, Christmas und Eastern intensiver mitbekam und Schulfreistunden nutzte, um sinnlose aber höchst amüsante Gespräche mit Freunden zu führen, statt Hausaufgaben zu machen. Wegen erstaunlich vieler Schulveranstaltungen, wie großen Schulkonzerten verschiedener Bands, 'Fall Fling', 'Homecoming' und 'Prom' (alles eine Art Tanzball),  Kunstwettbewerben, Wettessen oder 'Graduation' (Abschlusszeremonie), ging der Gesprächsstoff nie aus.

Auch zu Hause auf dem Land kam es dank laufendem Fernseher und sehr gesprächigen Eltern & Geschwistern nie zum Langweilen oder absoluter Stille. Gemeinsam mit meinen beiden Schwester Emily (18) und Rachel (16) wurden lange Autofahren oft singend, lachend oder diskutierend hinter sich gebracht. Und wenn die Fahrt dann doch mal zu lang erschien, so stimmten wir uns auf das Reiseziel ein. Am Ende meines Aufenthaltes konnte ich auf Amish Country, Niagara Falls, Chicago, Smoky Mountains, Florida und das Durchfahren von insgesamt 15 Staaten zurückblicken.

Als junger Botschafter Deutschlands vermied es sich selten, Gespräche über das eigene Land zu führen, absurden Fragen (Do u  guys have 365 days in Germany?) zu beantworten, Deutschlandpräsentationen zu geben und die eigene Kultur und Lebensweise anschaulich zu erklären. Meine Afs-Betreuerin Lori Kidwell erzählte mir einmal während eines unserer monatlichen Treffen, wie erstaunt und fröhlich sie doch wäre, dass ich Deutschland eindrucksvoll und 'richtig' repräsentiert hätte. Aber nicht nur die Amerikaner konnten von mir lernen und ich von ihnen - auf Afs-Camps, die dreimal im Jahr stattfanden, trafen Austauschschüler aus fast allen Kontinenten aufeinander, lernten viel über verschiedene Angewohnheiten und Tagesabläufe und stellten fest, dass Menschen unterschiedlich und doch so gleich sind.

 

¾ Jahr in Amerika und schon lernt man, dass Bayern nie das einzige Land auf der Welt war. 10 ½ Monate Ohio und schon wird klar, dass Fußball nicht der einzige Sport auf Erden ist. 46 Wochen London und schon weiß man, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein wird.

Vielen Dank an AFS & PPP Betreuern, Dr. Bärbel Kofler, Familie, Freunde und meine Laufschuhe - ohne euch hätte ich Amerika nie so gekannt, wie ich es heute kenne! Cheers!                                                                                                                                                                                                                     Paulina 2011/12